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Leserbrief eines Schülers zum Thema G8

Landespolitik

G8 "gute Nacht"

„…teacher, leave them kids alone!“

In der Debatte um das “achtjährige Gymnasium” kommt ein Schüler zu Wort

Von Kai Gräf

Zwei Dinge sind an der aktuellen Debatte um die Schulzeitverkürzung an Gymnasien (G8) verwunderlich:
Erstens, dass sie erst jetzt – mehr als drei Schuljahre nach der flächendeckenden Einführung des G8 in Baden-Württemberg – in der Öffentlichkeit aufkommt;
zweitens, dass in ihr die Schüler kaum zu Wort kommen. Obwohl man sich an letzteres mittlerweile gewöhnt hat – Schüler werden in Bildungsreformen selten miteinbezogen –, wollen wir hier diese Regel durch eine Ausnahme bestätigen: Als Gymnasiast der zwölften Klasse bin ich glücklicherweise nicht selbst vom achtjährigen Gymnasium betroffen, bekomme die Probleme aber in meinem unmittelbaren Umfeld mit – und deren gibt es mehr als genug.
Zunächst sind diese ganz praktischer Natur, man könnte also meinen, sie entstünden nur aufgrund unzureichender Umsetzung einer an sich richtigen Reform. Überlastete Schüler, überforderte Lehrer, Ganztagesunterricht ohne Ganztagesschulen, Allgemeinbildung: Fehlanzeige, stattdessen sture Wissensvermittlung. Die Probleme, unter denen Schüler und Lehrer an den Gymnasien im Land zu leiden haben, sind das Ergebnis einer Schulzeitverkürzung, die einem ohnehin reformbedürftigen Gymnasialschulwesen stümperhaft übergestülpt wurde – und das, obwohl man bereits seit 1991 Schulversuche zum „verkürzten Bildungsgang“ durchgeführt hat. Der überwiegende Teil der Schüler, Eltern und Lehrer sind mit dieser „Reform“ ganz und gar nicht einverstanden – also diejenigen, die sie unmittelbar an den Schulen erleben.

Das grundsätzliche Problem bei Bildungsreformen ergibt sich daraus, dass sie von Politikern, nicht von Pädagogen gemacht werden; dass also wirtschaftliche und finanzielle Aspekte stärker berücksichtigt werden als der Wille zu einer pädagogisch vernünftigen Reform. Eine solche pädagogisch sinnvolle Reform ist seit langem notwendig: Es ist erschreckend, mit ansehen zu müssen (und dass muss ich als Schüler jeden Tag), dass Abiturienten einfachste Texte nicht fehlerfrei lesen können, an der deutschen Rechtschreibung jämmerlich scheitern und nach neun Jahren Gymnasium eine erbärmliche Allgemeinbildung vorzuweisen haben. Angesichts dieser Situation die Gymnasialzeit bei gleichem Lehrstoff um ein Jahr zu verkürzen, grenzt an Größenwahn.
Was man sich vom „Turbo-Abitur“ erhofft, ist eine erhöhte Konkurrenzfähigkeit deutscher Abiturienten im internationalen Vergleich. Deutsche Hochschulabsolventen seien zu alt, so das Hauptargument der G8-Befürworter. Warum deutsche Akademiker im Ausland einen guten Ruf genießen und neuerdings auch in immer größerer Zahl dorthin abwandern, ist mir angesichts dieses Arguments ein Rätsel. Und selbst wenn Akademiker anderer Nationen ihr Studium schneller beendet haben, spielt das Zeitargument trotzdem eine Rolle in einer immer älter werdenden Gesellschaft? Ist dieser geringe Altersunterschied nicht zweitrangig, wenn deutsche Hochschulabsolventen eine bessere Ausbildung genießen? Außerdem sollte man sich fragen, wo denn eigentlich die Deutschen ihre Zeit verlieren – etwa im Gymnasium oder nicht viel mehr durch eine reichlich späte Einschulung oder schlechte Organisation eines Studiums? Im Übrigen wäre ein Zeitgewinn von einem Jahr ohne weiteres zu erreichen, indem man die Wehrpflicht abschafft – ein längst überflüssig gewordener Kostenfaktor, an dem die Deutschen wirklich Zeit verlieren.
Zwei Dinge passen beim Betrachten der Gesamtsituation nicht zusammen: Der seit dem Pisa-Schock anhaltende Ruf nach einer rundherum besseren Bildung der Schüler und das gleichzeitige Bestreben, die Schulzeit auf acht Jahre Gymnasium zu verkürzen. Entweder aber legt man Wert auf eine breite, anständige Allgemeinbildung und die Formung reifer Persönlichkeiten, oder man stellt über dieses Ideal das Ziel, die Schulzeit zu verkürzen.
Die nun vorschnell ausgegeben Verbesserungsvorschläge der Landesregierung beruhen auf dem Prinzip des Kürzens und Streichens von Unterrichtsstoff, bevorzugt durch Zusammenlegen der Naturwissenschaften Physik, Chemie und Biologie. Nichts falscher als das, denn nun wird sich die Industrie wieder zu Wort melden, deutsche Abiturienten verfügten nicht über ausreichende Kompetenzen in den Naturwissenschaften. Und das in Zeiten, in denen jeder Ingenieur gebraucht wird.
Ganz nebenbei wurde mit dem achtjährigen Gymnasium die Ganztagesschule durch die Hintertür eingeführt. Viele Eltern und Schüler haben dagegen gar nichts einzuwenden, ich persönlich bin sogar ein Befürworter der Ganztagesschule. Diese darf jedoch nicht bedeuten, dass dort den ganzen Tag Mathe, Deutsch und Englisch unterrichtet wird: zur Ganztagesschule gehören dann – neben der Sicherstellung eines vernünftigen Mittagessens – am Nachmittag Hausaufgabenbetreuung, Förderunterricht, Sport, Musik, Theater. Auch das gehört in eine Schule, die keine wandelnden Nachschlagewerke, sondern gereifte und gebildete Persönlichkeiten hervorbringen will.

Abschließend bleibt zu hoffen, dass diese Diskussion weiterhin anhält und gewinnbringend geführt wird. Selbst wenn die von der Landesregierung nun Änderungen an G8 angekündigt hat: Im Grunde wäre es das klügste, einen Fehler einzusehen und die Reform zurückzunehmen. Leider weiß ich, dass dies nicht geschehen wird.